Blog: DJ oder Jukebox?

«Das war ein schönes Zusammenspiel von Wort und Musik!» Solche Komplimente erhält man ab und zu nach einem Gottesdienst und freut sich natürlich darüber.

Ich bin ein Radio–Kind. Geweckt hat mich der Radiowecker, zehn Minuten später läutete der andere Wecker. Während des Frühstücks hat mir das Radioprogramm den Takt vorgegeben, damit ich rechtzeitig den Bus zur Schule erreicht habe, je nachdem mit oder ohne Spurt zur Haltestelle. Zur Mittagszeit hörten wir die «Nachrichten» beim Mittagessen. Abends musste ich recht früh zu Bett, hatte aber eine gute Leselampe und natürlich den Radio, so hörte ich bis spät was eben geboten wurde. Ich war ein Kenner der verschiedenen Abendprogramme, interessierte mich nicht nur für «Spasspartout» am Mittwoch sondern auch für die anderen Sendungen, die im Wochentakt ausgestrahlt wurden: «Z.B.», «Sounds!», «Wunschkonzert» oder «Country–Special». Die Stimmen der Sprecherinnen und Sprecher erkenne ich noch heute, die meisten davon mit Namen.

Ich bin kein Radio–Kind mehr. Irgendwann in den 90ern begann das Übel: Musikredaktoren wurden wegrationalisiert und durften höchstens noch Spezialsendungen betreuen. Die sonstige Musikauswahl wurde beschränkt: erlaubt ist, was nicht stört. Was nicht stört, steht in einer Liste: nicht zu lang, nicht zu extravagant, schon gar nicht provokant. Und eines Tages übernahm dann der Computer die mühselige Arbeit aus langweiligen Musiklisten die Stücke mit der richtigen Länge auszuwählen. Musik als Pausenfüller zwischen den Textbeiträgen, nicht etwa nur auf DRS 1 und 3, sondern auch auf DRS 2. Da war es nur konsequent auf die Namensnennungen von Titel und Interpreten komplett zu verzichten. «Hit»-Parade nonstop, von Montag bis Sonntag, 24 Stunden am Tag.

Und so scheint es mir, sind die Leute heute sensibel geworden, wenn in einer Abdankung oder einem Gottesdienst ein Musikstück «passt», «kommentiert», «einen Kontrapunkt setzt», «die Ohren öffnet» oder auch einmal zum Nachdenken «provoziert». Wo früher Musikredaktorinnen und -redaktoren echte «Disc Jockeys» waren und für das Publikum die passende Musik ausgewählt haben, so sind nun wir Kirchenmusikerinnen und -musiker etwas wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten geworden, zu «DJs in der Kirche» sozusagen. Nur manchmal wird es schwierig zu vertreten, warum man lieber DJ und nicht Jukebox sein möchte und nichts von «Hitparade nonstop» im Gottesdienst hält.

Übrigens, es gibt sie noch, die spannenden Radioprogramme: hören Sie Schwedens Radio P2 (sverigesradio.se/p2) oder die Sender der englischen BBC (bbc.com) – und staunen Sie, wie spannend menschliche Musikauswahl sein kann!

Peter Freitag, Kantor

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