Eine Johannes-Passion als Auftakt zur Karwoche

Der alte lutherische Brauch, in der Karwoche die biblische Passionsgeschichte mit einfachsten musikalischen Mitteln zu rezitieren, lebte heuer wieder auf. Kantor Peter Freitag und sechs Sänger/innen des Jugendchor Uster gestalteten am Montag der Karwoche die Johannes-Passion von Jakob Meiland, einem Schüler des lutherischen «Erzkantors» Johann Walter. Man wähnte sich zurück versetzt in die Anfänge reformatorischer Passionsbetrachtung. Die Figuralchöre kleinerer Gemeinden dürften damals nicht viel grösser gewesen sein. Die Musik verzichtet auf jeglichen Aufwand. Der Kantor rezitiert den Bibeltext auf dem Lektionston des Evangeliums, handelnde Personen (Soliloquenten) singen ihre Worte ohne jede ariose Verbreiterung und instrumentale Stütze. Spricht das Volk (Turba), so erklingen kleine mehrstimmige Motetten. Und ebenso schlichte Motetten rahmen die Lesung. Nach der Feier waren die Hörenden sichtlich bewegt von der eindrücklichen Schlichtheit der Darbietung.
In späteren «grossen» Passionen (z.B. Bach) kommen betrachtende Arien zum Bibeltext hinzu. Diesen Impuls aufgenommen haben feinsinnige Zwischentexte von Pfr. Kolb, vorgelesen von den Soliloquenten und aufgenommen in den Fürbitten, womit die Passionserzählung nicht mehr in der Vergangenheit angesiedelt blieb, sondern heutiges Leiden und heutiges Hoffen in sich aufnahm. Mancher wird den jungen Sänger/innen im voraus zugedacht haben, sie seien «mutig» oder «tapfer», weil sie in kleinster Besetzung und ohne musikalische Stütze und ohne professionelle Stimmschulung da standen und einfach sagen. Aber im Verlauf der Musik verlor sich alles Hinschauen auf die Ausführenden. Sie stellten den Inhalt ihrer Botschaft überzeugend in die Mitte.

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