Max Reger trifft Johann Sebastian Bach – Konzert zum Karfreitag

Karfreitag, 25. März 2016, 17 Uhr, Reformierte Kirche Uster

„Bach ist Anfang und Ende aller Musik“ so schreibt Max Reger auf einem Widmungsblatt am 21. Mai 1906. Diese grosse Bewunderung für den Thomas-Kantor gab mir Anlass, im Karfreitagskonzert die beiden Komponisten einander gegenüber zu stellen. Nicht im Sinne einer Konkurrenz, sondern um die Gemeinsamkeiten herauszuheben, die sich in einer grossen musikalischen Tiefe, bei beiden Musikern in ihrer Tonsprache und im damaligen Zeitgeist, äussert.

Den Einstieg (und quasi Einstieg in die Passion – Palmsonntag) bildet die fulminante Introduktion und Passacaglia von Max Reger. Es handelt sich bei diesem Stück um seinen Beitrag zu einem Album mit kleineren Orgelwerken verschiedener Komponisten, das der Organist Ludwig Sauer 1899 zur Finanzierung eines Orgelneubaus in Schönberg im Taunus initiierte. In diesem Gelegenheitswerk kombinierte Reger erstmals die beiden Satztypen Introduktion und Passacaglia. Das Thema der Passacaglia ist unverkennbar demjenigen Bachs abgeschaut.

Dreh- und Angelpunkt des heutigen Konzerts bilden zwei Passions-Choräle, welche beide von Bach und Reger verarbeitet wurden: „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“ und „Komm süsser Tod“.

Als erstes erklingt eine Version von Max Reger über den sehr bekannten Passionschoral. Sie stammt aus der Sammlung von Choralvorspielen op. 135a. Anregung für die Komposition dieser Sammlung dürfte die Trauerfeier zum Gedächtnis des noch während Regers Amtszeit am 26. Juni 1914 verstorbenen Herzog Georg II. gegeben haben, die am 18. Juli stattfand und bei der Reger gleich zu Beginn drei Choralbearbeitungen von Johann Sebastian Bach spielte.

Kernstück des Konzerts bilden Präludium und Fuge e-moll sowie das Choralvorspiel über „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“ von Johann Sebastian Bach.

Präludium und Fuge e-moll schrieb Bach während seiner wichtigsten Schaffensperiode zwischen 1727 und 1731. Mit der Wahl zum Thomaskantor 1723 war einerseits sein Ansehen gestiegen, andrerseits hatte er in der Komposition eine Meisterschaft erlangt, dass nun Werke entstanden, deren Tiefe und Reife nicht mehr zu überbieten waren. Dazu gehören die Johannes- und Matthäuspassion, das Weihnachtsoratorium und die h-moll Messe. Auch Präludium und Fuge e-moll gehören zu den grössten Orgelwerken, nicht nur kompositorisch, sondern auch in der Länge. Interessant ist das Fugenthema, das sich chromatisch auffächert und in einen langen Liegeton mündet.

Auch die Form der Fuge ist für diese Zeit neu. Es handelt sich um eine sogenannte Ritornell-Fuge. In ihr wechseln sich nach einem einleitenden A-Teil zwei kontrastierende Teile, die den B-Teil bilden, ab. Am Schluss erscheint der A-Teil wortwörtlich wieder und gibt der Fuge zudem eine Da-Capo-Form (A-B-A). Zwischen das Präludium und die Fuge habe ich ein weiteres Meisterwerk aus Bachs Schaffen gesetzt. Das Choralvorspiel „Aus tiefer Not“ BWV 686 stammt aus dem dritten Teil der Clavierübungen.

Bach hat das Choralthema vierstimmig und imitatorisch im Manual gesetzt und lässt dazu eine fünfte und sechste Stimme im (Doppel-)Pedal mitspielen. Der Choral erklingt jeweils als letzter Stimmeneinsatz pro Choralzeile mit dem rechten Fuss gespielt in doppelter Länge. Manual und linker Fuss spielen das Kopfmotiv des jeweiligen Choralabschnittes fugiert. So entsteht ein Geflecht aus Choralmelodien, in der man sich selber aussuchen kann, welcher Stimme man folgen möchte.

Der Choral „Komm süsser Tod“ steht in Bachs Liedersammlung der Schemelli-Lieder. Max Reger hat die Choralmelodie als Vorlage für sein Choralvorspiel genommen und versetzt diese mit derart vielen chromatischen Vorhaltnoten, dass sie beim ersten Hinhören kaum noch erkennbar ist. Dennoch schimmert sie immer wieder durch und lässt den Hörer die Todessehnsucht, die hinter der Komposition steckt erahnen.

Ich spiele zuerst die Version von Bach und anschliessend diejenige von Reger.

1915/16, also kurz vor seinem Tod, hat Max Reger die 7 Orgelstücke op. 145 geschrieben. Das erste dieser Stücke ist mit „Trauerode“ übertitelt und vom Komponisten selber „Dem Gedenken der im Krieg 1914/15 gefallenen“ gewidmet.

In der Trauerode kreiert Reger bereits zu Beginn eine sehr düstere Stimmung. Aneinandergereihte Seufzermotivketten (absteigende Halbtonschritte) mit dunkler Registrierung (so vorgeschrieben) prägen den ersten Teil. Durch einen jähen Ausbruch wird diese Seufzerkette unterbrochen, um anschliessend wieder in die Anfangsstimmung zurückzukehren. Im zweiten Teil setzt er zu einer Passacaglia an deren Thema durch eine absteigende Melodie gekennzeichnet ist:

Wie bei der Passacaglia d-moll zu Beginn des Konzerts setzt damit eine Steigerung ein, die in einem Fortissimo-Ausbrauch die Kulmination erreicht: ein musikalischer Aufschrei. Und wieder geht es zurück in die anfängliche Stimmung, bis endlich die Spannung mit dem Choral „Was Gott tut, das ist wohlgetan“ in kontemplativer und entrückter Stimmung aufgelöst wird. Hier zeigt Reger, dass seine Musik eine tiefe theologische Komponente beinhaltet, wird doch mit diesem Schluss die Karfreitagsstimmung durch das göttliche Vertrauen und der damit verbundenen Zuversicht, dass Ostern nicht mehr weit ist, aufgelöst.

Stefan Schättin

Es wird gebeten, eingedenk des heutigen Feiertags, nicht zu applaudieren.

Kollekte zugunsten der Mission 21

Nächstes Konzert: Pfingstsonntag, 15. Mai 17 Uhr.
REGER III: «Fantastische Formen und Farben» – Die kleine Form