Musik zu Pfingsten von Alfred Zimmerlin

Seltsamerweise klingt der Heilige Geist nicht «schön», so wie wir uns landläufig schöne Musik vorstellen. Mozart hat in seiner c-Moll-Messe zum «cum sancto spiritu» eine geradezu dämonische Musik geschrieben, vielleicht seine heftigste ausserhalb der Oper: Dieser Heilige Geist hat auch eine ganz dunkle Seite. Oder eine Seite, die wir nicht verstehen. Aber auch die tibetischen Tempeltrompeten, die eingesetzt werden, um Spiritualität zu erwecken, klingen alles andere als schön: Sie reiben, vibrieren, ihr Klang ist aufgerauht und instabil. Rund um den Erdball liessen sich in den unterschiedlichsten Kulturen Beispiele finden, wo die Musik dann, wenn es um das geht, was wir «Geist» oder den «Heiligen Geist» nennen, aus Schwebungen, Reibungen oder gar komplexen Geräuschen besteht.

Gleich am Anfang der Bibelübersetzung von Martin Buber und Franz Rosenzweig, bei der Schöpfungsgeschichte, ist ein kräftiges Bild für den Heiligen Geist zu lesen: «Braus Gottes schwingend über dem Antlitz der Wasser». Von diesem «Braus» mag Ihnen das Orgelstück «Braus» berichten. Statische, kräftige, fast wie Klangskulpturen in den Raum gesetzte Klangblöcke werden schnell bewegten, leiseren Passagen gegenübergestellt: Das Brausen, stark bewegtes Wasser, ein Horizont. Ordnungen entstehen.

Am Anfang der Choralfantasie «O Heil’ger Geist, kehr bei uns ein» stand die Entdeckung, dass zu der mir seit der Kindheit wohlvertrauten Choralmelodie «Wie schön leuchtet der Morgenstern» (RG 653) auch ein Pfingst-Text existiert, nämlich im Lied 504 unseres reformierten Gesangbuchs. In der Choralfantasie erklingen daraus die Strophen Nr. 1, 3 und 5, die mich besonders ansprachen. Die Form des Stücks ist an sich einfach: Das «Brausen» des Geistes und der Choral wechseln sich ab. Nach einer längeren Einleitung erklingt die erste Strophe im Bass, aber stark verlangsamt: Der Sänger, die Sängerin stammelt, lallt, sucht nach Worten, singt gleichsam «in Zungen» wie die Jünger an Pfingsten. Die zweite Strophe führt uns nach einem Zwischenspiel auf die Suche nach dem «rechten Pfad»: Wie in einem Labyrinth bewegt sich die Choralmelodie über die drei Manuale und das Pedal der Orgel, sie ist verborgen in einer Vielfalt von Ereignissen und doch hörbar da – das kann nur von einem sehr virtuosen Organisten bewältigt werden! Nach einem weiteren, kürzeren Zwischenspiel ist die Choralmelodie der dritten Strophe sehr deutlich hörbar, und sie wird mit neuen Harmonien beleuchtet: Jeder Choralton hat gleichsam einen Lichtschweif hinter sich. Und der Choral wird mehr und mehr ins Innere des Menschen geführt. (A.Z.)

Uraufführung des ganzen Orgelbuch am Dienstag 7. Juli um 20 Uhr im Berner Münster mit Peter Freitag, Orgel / www.abendmusiken.ch

1. Gruss
2. Choralfantasie I «All Morgen ist ganz frisch und neu»
3. Reflex
4. Ruf
5. Choralfantasie II «O Heil’ger Geist kehr bei uns ein»
6. Freude
7. Braus
8. Hauch
9. Abschied | Choralfantasie III «Bevor die Sonne sinkt»

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