«Welch musikalischer Schatz!»

“Die Protestanten wissen gar nicht, welch musikalischen Schatz sie an ihren Chorälen besitzen.”

Das Zitat des Komponisten Max Reger tönt wie eine Mahnung. Reger, selber Katholik, sagt dies kurz bevor er mit “Ein feste Burg” ein erstes grosses Orgelwerk komponiert. Er hat die Kompositionen seiner Vorgänger gründlich studiert: “Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Jeder von uns steht auf den Schultern eines anderen.” Sein Arbeitspensum ist enorm: “Hundert Fugen muss man schreiben, dann kann man erst etwas!” Sein Fleiss ist unbändig: “Jede Komposition ist gut, die vollkommen farblos gespielt werden kann. Man muss zuerst zeichnen können, um zu malen.”

Reger schreibt Choralvorspiele von einfachen Formen bis zu gigantischen Fantasien: “Form ist eine Fessel für den, welcher sie nicht beherrscht.” Mit seiner Tonsprache gewinnt er den Chorälen Stimmungen und Deutungen von ungeheurer Kraft ab. Der Choral ist Ausgangspunkt, Grundlage und Ziel in einem, natürlich ganz nach seinem grossem Vorbild Johann Sebastian Bach.

Aber worin besteht nun die Mahnung für heutige Komponistinnen, Musiker und die Gottesdienstgemeinde? Zehren wir noch von der Kraft der Choräle? Versuchen wir Zugänge zu finden zu den sperrigen Texten und den geheimnisvollen Melodien? Machen wir es uns zu einfach, wenn wir neue Texte dazu dichten? (Vielleicht gar ein simple Übertragung in “heutiges Deutsch”?) Was verlieren wir, wenn wir den Liedern ganz ausweichen? Dazu schieben wir dann eine Textstelle oder gar einen einzelnen Ausdruck als Grund vor (“Sünde”, “Teufel”, “Hölle”). Oder muss die Gemeinde Choräle singen, damit der Organist dazu Choralvorspiele aufführen kann?

Wenn wir zum Jazz hinüberschielen sehen wir, wie die Jazzmusiker den sogenannten Standards immer wieder neue Seiten abgewinnen. Hören wir den Theologinnen und Theologen zu, erkennen wir, dass diese gerade durch die Auslegung der immer gleichen Bibeltexte zu neuen Erkentnissen kommen. Genau diese Chance müssen wir beim Singen, Spielen und Hören von Chorälen packen, damit wir aus diesem musikalischen Schatz schöpfen können.

Peter Freitag, Organist und Kantor

2016 jährt sich der 100. Todestag von Max Reger. In den Sonntagskonzerten spielen Peter Freitag und Stefan Schättin dieses Jahr in vier Konzerten kleine und grosse Orgelwerke des Komponisten.